Sonntag, 19. November 2017

Open Educational Resources - eine Zusammenschau

Open Educational Resources (OER) sind in letzter Zeit in aller Munde. Zumindest entsteht der Eindruck, wenn man im Netz ein wenig die Augen offen hält.

Quelle: Pixabay (CC0)

In letzter Zeit gibt es nämlich zahlreiche spannende Blogbeiträge, Zeitungsartikel und ähnliche Publikationen, die sich mit den unterschiedlichen Konzeptionen und Facetten von Offenheit (im weiteren Sinne) beschäftigen. Ein paar davon möchte ich zur Lektüre empfehlen:

Jöran Muuß-Merholz definiert in seinem Beitrag Offen ist, was Zugang schafft! Oder: Warum Google Docs für OER wichtiger als Libre Office ist Offenheit. Der von ihm eingeschlagene Argumentationsweg ist wichtig, da OER nicht selten in Form von abgeschlossenen PDF oder proprietären Formaten zur Verfügung gestellt werden, was dem Remix-Gedanken nicht gerade entspricht.

Eine zweite schöne Perspektive auf die Offenheit legt Martin Weller in My part in the battle for Open (universities). An Universitäten werden Materialien nicht selten unter einer CC BY-NC-Lizenz zur Verfügung gestellt, was keiner freien Lizenz im engeren Sinne entspricht. Darüber hinaus muss ich an den Urheberrechts- und Creative Commons-Vortrag, der vor einiger Zeit an der Universität Graz abgehalten wurde, denken, in dem den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern davon abgeraten wurde, OER zu produzieren oder Open Access zu publizieren, weil die Tantiemen dadurch ausfallen.

Die Seite iRights.info (die ich allen sehr ans Herz lege) hat einen Beitrag über CC0 (CC Zero) veröffentlicht. Es ist ja eine spannende Frage, ob man CC0 in Österreich überhaupt vergeben darf. Hierzu gibt es eine Stellungnahme zweier Juristen.

Auf iMooX startet morgen (am 20.11.) ein MOOC über Urheberrecht und Creative Commons - gehalten von Michael Lanzinger, einem Rechtsanwalt, der spannende Einblicke in die Materie gibt. Michael Lanzinger hat schon MOOCs produziert und mitgewirkt. Er schafft es, die Feinheiten des Urheberrechts auch für Laien verständlich und nachvollziehbar zu erläutern. Ich habe schon mal über dazu gebloggt - falls jemand einen Eindruck bekommen will.

Wer einen ersten Einblick in die Materie benötigt, dem hilft sicher das - selbst als OER publizierte - Lehrbuch für Lernen und Lehren mit Technologien (L3T) weiter, das einen Beitrag mit dem Titel Offene Lehr- und Forschungsressourcen. Open Access und Open Educational Resources beinhaltet, der einen ersten Einblick ermöglicht.

Die Nominierten für den OER-Award 2017 stehen fest. Da sind wirklich spannende Projekte aus unterschiedlichen Bereich nominiert und man bekommt einen echten Einblick in die Breite der Bewegung. Natürlich kann man immer noch mehr machen - was ich auch bei den Fortbildungen immer wieder sehe. OER und Creative Commons sind noch nicht in aller Bewusstsein, aber wir sind sicherlich am richtigen Weg. Gerade in den Schulen find ich die Frage spannend, ob man für OER mehr bezahlt bekommt. Ich frag mich dann immer, ob die Erstellung von Unterrichtsmaterialien nicht im Lehrergehalt drinnen ist. Und ich frage mich, wann es sich rumgesprochen hat, dass man aus Schulbüchern nicht kopieren darf und dass man nicht so einfach Materialien aus dem Internet verwenden darf. Auch wenn man die Quellen angibt. Außer die Materialien sind OER - aber dieses Bewusstsein ist nun mal noch nicht bei allen angekommen. Klar, OER geben auch KEINE ENDGÜLTIGE Rechtssicherheit (Abmahnungen gibt es auch hier schon, vor allem wenn man falsch attribuiert - siehe auch das dazu passende Video der OER Transferstelle). Materialien zu googeln gibt aber ÜBERHAUPT KEINE Rechtssicherheit…

Jochen Robes führt einen Blog, den Weiterbildungsblog, und veröffentlicht immer wieder spannende Artikel (inkl. eines kurzen persönlichen Kommentars). So beispielsweise eine Rezension zu German OER Practices and Policy — from Bottom-up to Top-down Initiatives oder einen Einblick in CPT+10: A Bright Future for Open Education.

Open Educational Resources und ich

Ich habe vor einigen Jahren für mich beschlossen, OER zu machen und zu leben. Dazu hab ich auch für die aktuelle Ausgabe von Erziehung und Unterricht einen Artikel mit dem Titel Offenheit als Chance: Warum wir unsere Klassenzimmer öffnen sollten geschrieben. Ich bin der Überzeugung, dass es Sinn macht, zu teilen und den Blick über den Tellerrand zu werfen. Ich bin der Überzeugung, dass Open Educational Resources dabei helfen, weniger Arbeitsaufwand zu haben. Man bekommt nicht nur Materialien sondern vor allem auch Ideen für den eigenen Unterricht. Und im besten Fall bekommt man Feedback auf die eigenen Materialien. 

Montag, 6. November 2017

Jane Hart präsentiert die Top Tools 2017

Jedes Jahr wartet man auf das Erscheinen des Horizon Reports und der KIM- oder JIM-Studie, die uns Trends und aktuelle Verwendungsgewohnheiten präsentieren. Das eine visionär, das andere den Ist-Zustand beschreibend. Beide Ressourcen sind nicht nur gerne gelesen, sondern ebenso gerne zitiert. Dabei wird gerade beim Horizon Report oft die US-amerikanische Brille vergessen, die bei der Lektüre aufzusetzen ist. Eine Eins-zu-Eins-Umsetzung in Europa ist weder zu erwarten noch möglich, wie auch ein Rückblick auf die letzten Ausgaben zeigt.

Quelle: Pixabay (CC0)


Und wenn ich auch immer gegen das Primat des Tools und für jenes der Methode schreibe, so erwarte ich dennoch immer auch mit großer Spannung die Top-Tool-Liste, die Jane Hart jedes Jahr kuratiert. Nun ist es wieder soweit. Die Liste und die drei Unterlisten sind veröffentlicht:
  • Top 100 Tools for Personal & Professional Learning (PPL) 2017
  • Top 100 Tools for Workplace Learning (WPL) 2017
  • Top 100 Tools for Education (EDU) 2017
Das Team von Web2-Unterricht (Renée Lechner, Urs Henning, Emil Müller) hat sie genauer betrachtet, die Aufsteiger und Absteiger, die Newcomer genannt. Die Top 10 fallen wenig überraschend aus, wenngleich hier besonders der Wiederaufstieg von PowerPoint zu beachten ist. Twitter hingegen hat es heuer nicht auf das Podest geschafft. Wer also Inspiration sucht oder einfach nur überprüfen möchte, wie mainstream er oder sie, sei die Liste ans Herz gelegt.

Freitag, 3. November 2017

Schule in der digitalen Welt?

Bildung 4.0 - Industrie 4.0 - Schule 4.0: Konzepte und Gedanken, die die Institution Schule charakterisieren sollen. Doch: Halt! Wie lassen sich die Attribute 1.0, 2.0 und 3.0 definieren und was war davor? Gab es irgendwann mal die Schule 0? Und was ist, wenn die Schulen sich nicht auf einem einheitlichen Niveau befinden. Was, wenn die Attribute von vielen nur als Hülsen verwendet werden? Ich mag diese Nummerierungen nicht. Ich mag keine Etiketten und ich mag keine Schubladen. Gerade weil es viele hybride Lösungen gibt, die sich eben nicht einer eindeutigen Lösung (Schublade) zuführen lassen.

Quelle: Pixabay (CC0)

Ich mag Menschen mit Ecken und Kanten Ich mag Sowohl-als-Auch-Lösungen. Treue Leser/innen meines Blogs wissen das. Axel Krommer hat hierzu erst vor kurzem einen knappen und treffenden Tweet (hier eine ausführlichere Version) verfasst, der seine Ablehnung des digitalen Dualismus zum Ausdruck bringt.

Ich stimme hier zu und stoße mich bereits an der Formulierung des Titels des Bildungskongresses des Landesmedienzentrums (LMZ) Baden-Württemberg, dessen Nachlese dieser Blogpost gewidmet sein soll. Schule in einer digitalen Welt - nun, ich stoße mich am Attribut digital, denn die Welt ist nicht digital. Die Welt ist und bleibt analog. Einzelne Systeme erleben eine Digitalisierung, wenngleich auch hier die Begrifflichkeit nicht klar umrissen ist und viel subjektiv-kasuistische Deutung anzunehmen ist. Die Welt ist nicht digital. Die Schule auch nicht. Auch Bildung kann nicht digital sein. Es gibt digitale Medien und digitale Realisierungsformen von Texten und Daten sowie aus ihnen erwachsenden Informationen. Das Wissen aber ist nicht digital. Das Lernen ist es ebensowenig.

Wann immer das Thema auf die „digitale Bildung“ oder „digitale Schule“ fällt, werden Worthülsen ausgegraben, die zum Buzzword-Bingo einladen. Und ich habe in der letzten Zeit immer stärker das Gefühl, dass wir in einigen Bereichen Dinge schon seit Ewigkeiten fordern und die Realisierungen auf sich warten lassen.



Als Beispiel: Am Bildungskongress berichtet Prof. Stefan Aufenanger in einem erfrischenden Vortrag über Strategien, digitale Medien (besonders Tablets) in den Unterricht zu integrieren. Die Infrastruktur müsse dabei geschaffen werden. Das ist klar. Viel wichtiger aber noch ist es, den Lehrenden (LuL) zu zeigen, wie man mit Tablets umgeht. Was kann man damit machen? Was geht nicht? Aufenanger berichtet von einer Schule, die flächendeckend mit Tablets ausgestattet wurde, an der die Lehrer/innen die Tablets ein Jahr vor den Schüler/innen bekommen haben, um sich an das Lehrmittel zu gewöhnen. Gleichzeitig berichtet er von Fällen, in denen die LuL Tablets in die Hand gedrückt bekommen und dann damit arbeiten/leben müssen. Und wie so oft beginnt eine Diskussion und Reflexion darüber, wie wichtig es ist, Lehr- und Lernziele zu definieren, Methoden zu suchen, mit denen man sie erreichen kann und danach dann die Medien zu wählen. Das wäre ja auch ideal. Oftmals bestimmt aber die Technik die Methodenwahl. Nicht weil die LuL es wollen, sondern weil die Praxis sich nicht immer mit der Theorie trifft.

Und das wurde auch in den Media Spots am Bildungskongress ganz deutlich (hier eine ausführliche Zusammenfassung und Nachbereitung des Bildungskongresses auf der Seite des LMZ). In diesem Format sollten Schulen ihre gelebte Praxis vorstellen, was sie auch taten. Und die Techniklastigkeit zeigte sich deutlich. Da wurde vom Mehrwert des digitalen wie auch des analogen Schulbuches gesprochen, da wurde von ganz spezifischen Lösungen gesprochen. Ja, es handelt sich um Leuchttürme. Aber statt Vielfalt wird Einseitigkeit deutlich. Wenn ich meine Werkzeuge für Fortbildungen auswähle, dann versuche ich immer solche zu wählen, die

  • kostenlos
  • für SuS ohne Anmeldung nutzbar
  • browserbasiert und als App verfügbar
  • und für alle Betriebssysteme anwendbar sind.

Und ich versuche immer, konkrete Methoden zu zeigen und weitere Methoden zumindest zu nennen und zu beschreiben. Wenn ich aus Schulungen 10 neue Werkzeuge mitnehme, am Bildungskongress ist das passende Wort „App-Schlacht“ gefallen, dann muss ich genaue Anwendungsszenarien kennen, um sie auch danach noch zu nutzen. Die Beschreibung hilft mir wenig. Das Wozu muss klar sein, sonst verschwinden sie ebenso wie gut gemeinte Handouts quasi in einer Schublade.



Was ich deshalb gerne mache, ist das Einbinden von QR Codes in meine Präsentationen, hinter denen sich Aktivitäten verstecken. Das Publikum wird nicht nur aktiviert sondern auch zur Mitarbeit animiert. Und an den Reaktionen sehe ich, ob die Methodenbeschreibungen ankommen, die LuL sich vorstellen können, die Methoden auch zu übernehmen. Das ist für mich ein wichtiges Feedback. Und der QR Code ist ein schöner Verrätsler, der die Neugier weckt. Was versteckt sich hinter dem Code? Ein Bild? Ein Video? Eine Übung? Ein Spruch? In Klassen habe ich früher Adventskalender mit QR Codes aufgehängt. Ich würde es auch noch immer tun, wenn ich noch in der Schule wäre. Mir ist nach wie vor wichtig, dass SuS meine Fächer mit etwas Positivem konnotieren. Dann macht das Lernen Spaß. Dann macht das Erfahren Spaß. Mir geht es um das Erleben und Erfahren, das Erfahrungen-Sammeln und das Selbertun. Meine SuS erarbeiten Quizze füreinander, sprechen gegenseitig Diktate und erstellen gemeinsame Skripten, weil ich denke, das so auch das Leben und Berufsleben funktionieren sollte. Wir arbeiten miteinander und füreinander und nicht gegeneinander. Wir teilen unser Wissen und unsere Fähigkeiten. Und wir müssen mit (konstruktiver) Kritik umgehen lernen.