Donnerstag, 30. März 2017

Kritik ist gut, aber...

Wenn ein Lehrer, der mit seinem Unterricht andere Wege geht, auf einen Blogpost ungewohnte Kritik erntet, dann hat das sicherlich seine Gründe. Das Netz im Allgemeinen und die Community im Speziellen können beinhart und kritisch sein. Und das ist auch irgendwie gut so, wenn der Ton der richtige bleibt. Kritisches Denken und Kommunikation, das sind zwei der #4Kde (die deutsche Version der 4C), die da so herum schwirren als die Kernkompetenzen des 21. Jahrhunderts.

Quelle: Pixabay (CC0)
Stein des Anstoßes war dieser Tweet mit einem Blogartikel (die Reaktionen kann jede/r auf Twitter nachlesen - dafür einfach auf das Bild quasi klicken):


Der Titel: 7 Wege, die den Unterricht verändern (können), der Autor: Sebastian Schmidt, besser bekannt als @FlippedMathe. Die Reaktionen auf den Tweet kann jede/r direkt auf Twitter nachlesen. Ein zweiter Diskussionsstrang ergab sich hier - und auch hier kann die gesamte Diskussion auf Twitter nachgelesen werden.
Und ich denke, ich weiß, wieso die Wogen hochgegangen sind. Es gibt da zwei Gruppen: Die einen freuen sich über Ideen und Anregungen für den konkreten Unterricht. Die anderen stoßen sich am Wording, an der formalen Ebene und hinterfragen die Sinnhaftigkeit derartiger „Rezept-Blogposts“. Und wisst ihr was: Beide haben Recht. Ich bin keine Freundin von Entweder-Oder. Ich mag Sowohl-als-Auch. Soviel vorweg.

Die Ideen, die Sebastian Schmidt beschreibt, sind Unterrichtsrezepte. Es sind keine Tools, es sind keine Apps, es sind keine Technologien (außer man verfolgt einen Foucault’schen Ansatz). Und naja, es ist auch keine digitale Bildung. Was soll an Bildung digital auch sein? Und, es sind auch keine Tools oder Werkzeuge oder Szenarien, die den Unterricht verbessern können, oder besser machen oder sonst einen Effekt haben. Ich könnte Hattie zitieren und seine Sicht über die Rolle der Lehrperson für den Lernprozess. Ich könnte den aktuellen Post des wunderbar inspirierenden Philippe Wampfler (@phwampfler) anführen, der darüber sinniert, Sich selber überflüssig machen (zu können) im Unterricht. Denn darum geht es doch im Grund irgendwie, dass wir Lehrenden eine unter vielen Quellen sind, die die Schüler/innen in ihrem Netzwerk anzapfen können. Gelebter Konnektivismus.

Ich mag ja auch den Begriff Unterricht nicht (hat was von einer Oben-Unten-Hierarchie) und auch den Lehrkörper oder die Lehrperson. Ich mag so viele Begriffe nicht. Die neuen Medien. Was ist neu? Und wann waren die neu? Für wen denn eigentlich? Den Mehrwert von Tools oder Werkzeugen oder Methoden. Wenn ich das schon lese/höre/sehe... Da geht es mir wie Axel Krommer (@mediendidaktik_), den ich so schätze, und der sich dazu schön kompakt geäußert hat.

Aber um Begrifflichkeiten geht es doch gar nicht, oder? Geht es nicht darum, den Unterricht abwechslungsreich zu gestalten und zu schauen, was für seine eigenen Schüler/innen passt und funktioniert? Geht es nicht darum, Schüler/innen in die Selbstorganisation zu entlassen? In die Selbstständigkeit? Müssen wir nicht Unterrichtsparadigmen neu denken? Ist es nicht so, auch als Lehrende/r mal Fehler machen zu dürfen, Dinge ausprobieren zu können, diese dann zu reflektieren (ich verwende bewusst „Dinge“).

Quelle: Pixabay (CC0)

Genau aus dem Grund finde ich den Beitrag von Sebastian Schmidt gut. Weil er eigentlich sagt, ich muss nicht dem neuesten Trend folgen, auf jeden Trend aufspringen, jedes Tool einsetzen, nur weil es gerade hip oder cool oder nice oder was auch immer ist. Weil er auch von seinen Erfahrungen in Fortbildungen mit Lehrerinnen und Lehrern spricht. Ich muss wissen, wie ich zu meinen Lehrzielen komme und wie ich meinen Schülerinnen und Schülern helfe, ihre Lernziele zu erreichen (wieso wird eigentlich so selten zwischen Lehr- und Lernzielen unterschieden? können/dürfen die Schüler/innen auch eigene Lernziele verfolgen?). Viel wichtiger wäre es ja doch, in meinen Augen, dass wir die Lehr- und Lernziele ein wenig überdenken. Und zwar vor dem Hintergrund der #4Kde. Ich sehe immer wieder, dass Studierende an die Uni kommen und keine eigene Meinung haben. Oder sie schon haben, sich aber nicht trauen, diese zu äußern, weil sie könnte ja falsch sein. Sie könnte in die Beurteilung einfließen. Wir trainieren unsere Schüler/innen und auch Studierenden in ihren Kompetenzen (welche noch gleich?). Was wir oftmals aber machen, ist ein Training to the Test.

Quelle: Pixabay (CC0)
Und bevor sich jemand beschwert: Wieso hat sich der QR Code, eine, wie ich finde, äußerst praktische Sache im Sinne eines Seamless (Mobile) Learning Wunsches, nicht durchgesetzt?

Ja, ich würde auch gerne empirisch/wissenschaftlich erheben, wieso Dinge so funktionieren, wie sie funktionieren. Wieso ist beispielsweise das behavioristische Format hinter Kahoot! so spannend? Wieso verfallen sowohl Lehrer/innen als auch Schüler/innen diesem „Format“, das so neu nicht ist? Das ist doch wieder ein Training to the Test, ein bloßes Ankreuzeln oder Antippen. Wo ist die kognitive Leistung dahinter? Wo ist das Nachdenken, das Reflektieren?

Gerade, während ich schreibe, hat Axel Krommer dazu einen schönen Tweet verfasst, der irgendwie dazu passt:
Was lernen die Schüler/innen? Sie lernen die richtige Antwort (hoffentlich) schnell zu tippen. Sie lernen das Format. Sonst noch was? Ich würde meinen, ja: Sie lernen das schnelle Lesen. Vielleicht sogar sinnerfassend. Und was ich schon sehe, und darüber freue ich mich persönlich, sie beschäftigen sich mit meinem Fach (sorry für die Formulierung, die ist natürlich auch ungeschickt). Und wenn sie sich kognitiv nicht anstrengen, dann vielleicht affektiv. Ich versuche die Lerner/innen für Französisch und Italienisch zu begeistern, was (nicht immer) so einfach ist. Ich bin froh, wenn ich hier eine Unterstützung habe, auch wenn es „nur“ Kahoot! ist. Ich bin froh, wenn jemand nicht die Augen überdreht, wenn ich sage: „Ich bin Lehrerin. Meine Fächer sind Französisch und Italienisch.“


Wenn mit „altes System“ gemeint ist, dass wir Lehrende den Inhalt produzieren und die Lerner/innen nur konsumieren, dann: JA. Wenn es darum geht, dass es sich bei Kahoot! um eine Lehrendenzentrierung geht, dann: JA. Wenn es darum geht, dass wir auf einen Test hin trainieren, dann: JA. Aber es macht dennoch Spaß, baut Ängste ab, bricht vielleicht auch Hierarchien auf.

Quelle: Pixabay (CC0)
Und noch etwas, um auf den Blogpost zurückzukommen: Interessant sind diese Tipps ja nicht nur für uns Lehrende, sondern vor allem und gerade für die Lernenden. Sie können genauso mit QR Codes arbeiten, sie können ebenso Videos produzieren. Sie sollten sich ebenso Wege überlegen, wie man sich mit Hilfe analoger und digitaler Medien und passender Methoden organisieren kann. Auch sie können Materialien von anderen verwenden, wenn sie sie kritisch hinterfragen (und richtig zitieren). Auch sie können gemeinsam an etwas arbeiten – denn das ist, so meine ich, die Zukunft. Die Lerner/innen sollen nicht konsumieren sondern produzieren. Sie sollen aktiv sein, kreativ und kritisch. Sie sollen miteinander und auch mit Menschen außerhalb kommunizieren oder sogar kollaborieren. Das wäre mein Ansatz, vielleicht ist es ein hehrer, aber ich versuche ihn, gemeinsam mit den Lernerinnen und Lernern, die zu mir kommen, zu leben. Und sich da über einzelne Begriffe zu ärgern oder sich an ihnen zu stören… Es geht doch um die Idee, das Ziel dahinter. #IdealistinAmWort

Als Idealistin sage ich: Absolut. Als Didaktikerin sage ich: Werkzeuge dürfen meine Entscheidungen nicht leiten. Die Lehr- und Lernziele sind es und die Methode, die ich wähle. Als Praktikerin sage ich: Praktisch sind die Tools schon (Toolsammlungen sind ja immer gern gelesen und geschrieben). Als ich sage ich: Es geht darum, wie ich etwas einsetze. Egal ob digital oder analog, iOS oder Android (oder Windows, Mist – schon da funktioniert das Binäre nicht), Mathe oder Sprachen, Palliativ oder Präventiv (oder was wäre ein mögliches Antonym?). Ich lese mir Toolsammlungen durch, um zu sehen, was andere so machen. Auch in anderen Fächern, um die Scheuklappen abzunehmen. Ich lese aus diesem Grund auch Blogs. Ich lass mich inspirieren, freue mich über die Kreativität der anderen. Aber ich bleibe kritisch, schaue, was ich wie für meine Lerner/innen für meine Art und Weise des Unterrichts einsetzen kann. Ich kommuniziere mit anderen – deshalb auch eine der #edupnx – und ich arbeite gerne mit anderen zusammen. Und über diese Erfahrungen blogge ich dann wieder. Weil vielleicht andere auch von mir lernen wollen und meinen Fehlern und Erfahrungen. So schließt sich für mich der Kreis.

Mittwoch, 15. März 2017

Die Suche nach der Identität…

… oder vielleicht auch nur einer Plattform oder einem Sprachrohr. Vielleicht auch die Suche nach dem Textmarker. Hashtags haben unterschiedliche Funktionen. Sie helfen jedoch eindeutig in der Welt von Twitter und Co den Überblick zu behalten. Ich folge einigen Menschen sehr aktiv, vor allem aber folge ich Hashtags, die mir thematisch zusagen. Lange Zeit war der Hashtag #EDchatDE für mich der Nabel meiner Publikationen. Die Tagcloud rechts im Blog zeigt das auch ganz deutlich. Immer wieder habe ich am Blog eine Nachlese zu den einzelnen Themen geschrieben, die am Dienstag von einer großen Community in Höchstgeschwindigkeit behandelt wurden. Die Teilgeber/innen waren aktiv, ich habe gesammelt, nachgelesen und versucht, für mich selbst eine Struktur zu finden, Zusammenhänge herzustellen. Ich wusste, wenn ich den #followerpower anzapfen wollte, dann gab es den #EDchatDE als Hashtag.

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Nach den Ereignissen der letzten Zeit, also dem Ausstieg aus dem #EDchatDE und allem was davor und danach passiert ist, habe ich nach einem neuen Hashtag gesucht. Unter dem alten möchte ich nicht mehr teilgeben. Mir kommt das nicht authentisch vor. Hier wird Wasser gepredigt und Wein getrunken (oder umgekehrt). Ich kann mich – und Reaktionen aus der Community haben es gezeigt –mit dem Hashtag nicht mehr identifizieren. Ich möchte hier nur den Blogpost Mein Abschied vom #EDchatDE von Bob Blume (@blume_bob) anfügen, der mir aus dem Herzen spricht. Und – gerade ganz aktuell – natürlich auch den Beitrag Analoge Machtspiele von Philippe Wampfler (@phwampfler) in der Freitag (@derfreitag), den ich nicht teilen kann, da er ein Abo voraussetzt:
Philippe trifft den Nagel auf den Kopf:

Quelle: YouTube

Es ist nicht authentisch, was hier gepredigt und gelebt wird. Das ist nichts für mich. Das bin nicht ich. Nun, aber dennoch hätte ich gerne einen Hashtag, mit dem ich mich identifiziere. Und anderen geht es gleich. #BayernEDU wurde gegründet, ebenso ging vor kurzem der #relichat (@relichat) an den Start, der #BIBchatDE (@BIBChatDE) folgt. Das Konzept ist ähnlich dem Konzept des #EDchatDE. Man trifft sich zu einer gewissen Uhrzeit und tauscht sich aus. Nun, aber eigentlich ist mir das zu wenig. Und anderen auch. Wir wollen in die Tiefe gehen. Wir wollen uns nicht mehr nur auf Schriftzeichen, Verlinkungen beschränken. Wir wollen offen sein für Neues, für Alternatives, für Kreatives und vor allem Kritisches.

Quelle: Pixabay (CC0)
Wir, ja, das sind die Bildungpunks – und ich mag den Ausdruck. Es hat was Disruptives. Wir, das sind Alicia (@aliciabankhofer), Ines (@seni_bl), Monika (@M_Heusinger), Ines (@Ines_MueVo) und Christine (@iqberatung), wir waren Moderatorinnen und Teilgeberinnen des #EDchatDE. Und nun haben wir ein neues Projekt, eine Vision, die ganz konkret geworden ist. Es wurde nichts verheimlicht. Wir sind auf der Suche nach einem neuen Hashtag. Die Community hat uns Vorschläge gemacht. Alle wurden berücksichtigt, aber nicht alle werden zur Abstimmung gestellt (weil sie vergeben oder anders genutzt werden). Die Community entscheidet über einen neuen Hashtag. Ganz offen und transparent. Morgen kann damit begonnen werden – bis 23.03.2017 geht die Abstimmung und dann haben wir wieder ein einendes Element. Dabei wollen wir kritische Köpfe vereinen – Punks, Emos, Snobs und Geeks, oder so ähnlich. Und wir laden alle ein, an Beitragsparaden teilzunehmen und teilzugeben. Keine Blogparaden, denn das reicht zu wenig weit. Es können Videos eingereicht werde, oder Sketchnotes, Infografiken oder Texte. Vielleicht auch nur einzelne verbundene Tweets. Nach Möglichkeit unter einer Creative Commons-Lizenz. Über das Thema stimmt die Community ab.

Ob das funktioniert? Wir wissen es nicht. Aber wir probieren es aus. Und die Vorbereitungen im Hintergrund haben aus sechs sehr unterschiedlichen Köpfen ein richtiges Team gemacht, das sich die Arbeit geteilt hat. Wir haben kollaboriert, kommuniziert, kritisch gedacht und waren kreativ.

Quelle: Pixabay (CC0)
Das macht mich glücklich, denn unser Blog, der morgen online geht, ist ein Produkt der sagenumwogenen 4C oder 4K oder wie auch immer. Wir versuchen Offenheit und eine kritische Haltung (vor) zu leben. Und wir freuen uns auf die Reaktionen der Community, auf die Zusammenarbeit, die Kommunikation, die kritischen und die kreativen Stimmen.

Wir freuen uns auf euch. Ich freu mich auf euch!